Die Banalität der Böswilligkeit

Lou­is-Fer­di­nand Céli­nes “Rei­se ans Ende der Nacht” ist kein klas­si­scher Weltkriegsroman.

»Ich bin kein Mis­an­throp, ich has­se ein­fach nur Men­schen« – die­se Wor­te des Bochu­mer Kaba­ret­tis­ten Jochen Malms­hei­mer könn­te man auch die lite­ra­ri­sche Reiz­fi­gur Lou­is Fer­di­nand Céli­ne ange­sichts des vor­lie­gen­den Wer­kes von 1932 in den Mund legen – und für die­sen Hass, die­se Abnei­gung, das wird schnell klar, hat er auch aller­lei Grün­de. Der Ers­te Welt­krieg, an dem er bei­na­he aus Ver­se­hen teil­nimmt, ist zwar das Extrem der gesell­schaft­li­chen Spal­tung und Aus­nut­zung, doch ist er nach Céli­nes Mei­nung eben nur die ›Fort­set­zung der frie­dens­zeit­li­chen Unter­drü­ckung mit ande­ren Mitteln‹.

Haupt­fi­gur in Céli­nes Roman ist Fer­di­nand Bar­da­mu, des­sen Geschich­te mit einem ganz per­sön­li­chen »August-Erleb­nis« beginnt. Als jun­ger Pari­ser Medi­zin­stu­dent und schließ- lich Sol­dat im Ers­ten Welt­krieg, Kriegs­neu­ro­ti­ker, Kolo­ni­al­ver­wal­ter in Afri­ka, ille­ga­ler Ein­wan­de­rer und spä­ter auch als Ange­stell­ter im US-Gesund­heits­sys­tem vaga­bun­diert er durch die Welt. Zuletzt been­det er in Frank­reich sein Medi­zin­stu­di­um und arbei­tet zunächst als Armen‑, dann als »Irren­arzt« und schließ­lich als Kli­nik­chef in einem Pari­ser Vorort.

Bar­da­mu ver­fügt von Anfang an über jenen mis­an­thro­pi­schen Blick auf die Men­schen, der ihm jedes noch so klei­ne Glück aufs Schnells­te ver­lei­det, weil er als fad und unecht durch­schaut. Den Krieg durch­lei­det Céli­nes Bar­da­mu in stän­di­ger Todes­angst, getrie­ben zwi­schen dem »biss­chen Ster­ben gehen« am Tag und der Schuf­te­rei im nächt­li­chen Feld­la­ger, immer auf der Suche nach dem sich nie bie­ten­den Aus­weg. Als er sich schließ­lich gefan­gen neh­men las­sen will, trifft er auf Robin­son, der das glei­che Ansin­nen hat und dem er in den fol­gen­den Jah­ren immer wie­der begeg­nen wird.

Nach dem Krieg bleibt Bar­da­mu noch eine Zeit­lang in Paris, flüch­tet jedoch vor der Armut auf ein Schiff nach Afri­ka, um in den fran­zö­si­schen Kolo­nien als Ver­wal­tungs­be­am­ter zu arbei­ten. Doch in der Hit­ze des schwar­zen Kon­ti­nents, stellt Bar­da­mu fest, »zeig­ten die Wei­ßen ihren wah­ren Cha­rak­ter; er wur­de dem ent­setz­ten Beob­ach­ter völ­lig hül­len- und hem­mungs­los zur Schau gestellt. Man lern­te die wirk­li­che Natur des Men­schen ken­nen, so wie sei­ner­zeit im Krieg.« In den Tro­pen offen­bart sich der gan­ze Wahn­sinn des kolo­nia­len Unter­neh­mens, schmel­zen die ver­spreng­ten Kolo­ni­al­be­am­ten in der Höl­le des Dschun­gels förm­lich dahin; Bar­da­mu flieht nach Ame­ri­ka, gerät als Floh­sta­tis­ti­ker in das Gesund­heits- und Ein­wan­de­rungs­sys­tem der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und arbei­tet für einen Hygie­ne­be­am­ten, der Mischief (zu Deutsch: Unsinn) heißt. Zurück in Frank­reich been­det er sein Medi­zin­stu­di­um und prak­ti­ziert als von sei­nen Pati­en­ten geprell­ter und ver­ach­te­ter Armen­arzt in Paris, bis er spä­ter in den Dienst einer »Irren­an­stalt« eintritt.

Unter der Ober­flä­che der Zivi­li­sa­ti­on, so zeigt es Céli­nes Roman, herrscht auch im Frie­den noch Krieg und grau­sa­mes Gemet­zel, in dem Men­schen erbar­mungs­los gegen­ein­an­der zu Fel­de zie­hen. Für das Indi­vi­du­um bleibt als ein­zi­ge Lösung, sich auf die rich­ti­ge Sei­te der bei­den Fron­ten zu brin­gen. Wäh­rend Bar­da­mu die Natur hasst, scheint er die Zivi­li­sa­ti­on noch weni­ger lei­den zu kön­nen, denn den Ein­ge­bo­re­nen ist z. B. »nur mit der Peit­sche bei­zu­kom­men«. Sie, so Céli­nes Men­schen­ver­äch­ter, hät­ten noch Stolz, wäh­rend die Wei­ßen durch Bil­dung bereits zum Gehor­sam erzo­gen sei­en – eine Aus­deu­tung, die den euro­päi­schen Kolo­ni­al­ge­dan­ken, der sich in der Pflicht zur ›Zivi­li­sie­rung der Wil­den‹ sieht, aufs Pes­si­mis­tischs­te und Kon­se­quen­tes­te zu Ende denkt.

Céli­ne, bür­ger­lich eigent­lich Lou­is-Fer­di­nand Des­tou­ches, hat­te bereits als Seu­chen­me­di­zi­ner Kar­rie­re gemacht, als er mit »Rei­se ans Ende der Nacht« 1932 schlag­ar­tig berühmt wur­de. Beson­ders in der Lin­ken fand Céli­nes Roman gro­ßen Zuspruch; in dem er größ­ten­teils eine ein­fa­che, näm­lich die Pari­ser Gos­sen­spra­che nutz­te, gab er dem Emp­fin­den des (auch im Roman im Mit­tel­punkt ste­hen­den) »Klei­nen Man­nes« der Unter­schicht eine Stim­me. Wäh­rend die Rei­se noch als scho­nungs­lo­se und ent­lar­ven­de Sozi­al­kri­tik gele­sen wer­den konn­te, waren das 1936 erschie­ne­ne Nach­fol­ge­werk Tod auf Kre­dit und der im Fol­ge­jahr erschei­nen­de Text Baga­tel­les pour une mas­sa­c­re (in Deutsch­land erschie­nen als Die Juden­ver­schwö­rung in Frank­reich) in wahl­lo­se Mis­an­thro­pie und offe­nen Anti­se­mi­tis­mus umge­schla­gen. Auch poli­tisch sym­pa­thi­sier­te Céli­ne offen mit dem Faschis­mus und war in das Vichy-Regime des Mar­schalls Petain ver­strickt, wes­we­gen er nach dem Krieg weit­ge­hend aus dem intel­lek­tu­el­len Leben Frank­reichs aus­ge­schlos­sen war. Er leb­te bis zu sei­nem Tod 1961 in einem klei­nen Ort in der Nähe von Paris und arbei­te­te als prak­ti­scher Arzt, viel­leicht auch, weil er sich zeit­le­bens nie von sei­nen men­schen­ver­ach­ten­den Aus­fäl­len der Zwi­schenund Vor­kriegs­zeit distan­zier­te, son­dern sich eher noch als seni­ler Ver­rück­ter gerier­te. Wie weit der Hass bei Céli­ne wirk­lich ging, wur­de erst nach kurz nach sei­nem Tod durch die Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Tage­buch­auf­zeich­nun­gen klar.

Bei aller Ver­stri­ckung sei­nes Autors in die Untie­fen des Faschis­mus, des­sen men­schen­ver­ach­ten­de Rhe­to­rik und Denk­wei­se gro­ßes Leid aus­ge­löst hat, bleibt Rei­se ans Ende der Nacht ein her­aus­ra­gen­der Roman. Die Rei­se ist kein klas­si­scher Welt­kriegs­ro­man, die Beschrei­bung des Krie­ges und sei­ner unmit­tel­ba­ren Fol­gen nimmt nicht ein­mal ein Vier­tel des Buches ein. Zugleich aber ist er doch der ent­schei­den­de Flucht­punkt, des­sen Per­spek­tiv­li­ni­en Bar­da­mu auf sei­ner Flucht vor dem Lei­den und der Angst in der Gesell­schaft ent­deckt, selbst fern jeder Zivi­li­sa­ti­on. Es gibt kein Ent­rin­nen, »so wie im Krieg. Nichts geschieht. Nie­mand kommt und hilft.«

Offen aber bleibt die Fra­ge: Ist die Mensch­heit so ver­roht, so eigen­nüt­zig, so bes­tia­lisch, die Zivi­li­sa­ti­on kein Aus­weg aus die­ser Ver­ro­hung, son­dern ledig­lich ihre Instru­men­ta­li­sie­rung? Das ist sicher nicht aus­ge­macht; Zwei­fel­los aber war Céli­nes Roman ein Skan­dal, weil er die Grund­ge­wiss­hei­ten der demo­kra­ti­schen Gesell­schaft zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts radi­kal in Fra­ge stell­te und sowohl den Kapi­ta­lis­mus als auch das Kolo­ni­al­sys­tem und den Krieg in all sei­nen zwei­fel­haf­ten Abgrün­den anpran­ger­te. Céli­ne ent­larvt in die­sem Roman alle huma­nen Bemü­hun­gen um Ord­nung und Gerech­tig­keit als »Mischief«, also als Unsinn, dem nie­mand wirk­lich ent­kom­men kann – es bleibt nur die­se eine grau­sa­me und zutiefst unge­rech­te Welt, in der man sich ein­rich­ten muss. Die Fra­gen, die der Roman damit auf­wirft, haben auch heu­te nicht an Aktua­li­tät ver­lo­ren. Sie sind eine Quel­le der tie­fen Melan­cho­lie geblie­ben, die Bar­da­mu ein­mal so zynisch zusammenfasst:

»Ich war ja übri­gens sel­ber bos­haft, alle Men­schen sind es… Alles Übri­ge habe ich auf dem Wege ein­ge­büßt, ja die Mie­ne selbst, die man für Ster­ben­de auf­setzt, auch die hat­te ich ver­lo­ren. Mein Gefühl ist einem Haus ver­gleich­bar, in das man nur in den Feri­en ein­tritt. Es ist kaum bewohnbar.«

Chris­ti­an Wobig

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