Liegt die Hölle in Nordafrika?

Warum flieht man aus Nordafrika und riskiert sein Leben? Wie erträgt man danach Europas Kälte? Jenny Erpenbecks Roman »Gehen, ging, gegangen« gibt Antworten und ist eine Kur für Unbedarfte und besorgte Bürger.

Gehen, ging, gegangen schaffte es 2015 bis auf die Shortlist für den Preis der Frankfurter Buchmesse. In der Regel gibt es um die Kandidatenliste eine Saison lang rege Debatten, danach wird es um sie still. Nicht still wird es um das unappetitliche Gemisch aus Fremdenfeindlichkeit und Hass, das rechte Populisten und Parteien zur Zeit in Deutschland schüren. Aus diesem Anlass sei an  Erpenbecks Roman erinnert, der über die Saison hinaus Bestand haben soll.

Um Flüchtlinge geht es, um Fluchtgründe und Nordafrika, das Berliner Protestcamp und was draus geworden ist. Der Text referiert eine Fülle von Material, arbeitet es um in Literatur. Es ist die fiktionale Form, die Hetzern und Verhetzten den toxischen Begriff von der »Lügenpresse« aus dem Mund nimmt. Immun gegen ihr Leugnen ist der Roman, der nichts anderes als seine Fiktionalität behauptet und den Diskurs auf dem Feld der Literatur führt. Immun ist er als Geschichte auch gegen die Empathieschwäche jener Großstatistiker, die sich – auch so ein Brandsatz – »nicht von Kinderaugen erpressen« lassen wollen.

Erpenbecks Protagonist wirft für seine Sache den ganzen Habitus eines erfahrenen Akademikers in die Waagschale: Richard, Professor für alte Sprachen, verwitwet und frisch pensioniert, steht an einem Scheidepunkt seines Lebens. Er richtet sich, des beruflichen Alltags beraubt, in dürftiger Routine ein und ihm ist klar, dass das nicht reicht. Beinahe zufällig gerät er in das Umfeld des Refugee-Camps auf dem Berliner Oranienplatz und in Kontakt mit den Flüchtlingen, die dort ausgeharrt hatten. Von Anfang an sind es die Betroffenen, nicht Dritte, die zu ihm sprechen. Richard, der, in der DDR sozialisiert, immer noch mit seiner Rolle als Mittelschichts-Bundesbürger fremdelt, wird ein surrealistisch naiver Blick mitgegeben, der lupenartig auf alles fällt, was mit den Flüchtlingen zu tun hat. Konsequent werden seine Kontaktpersonen so als Individuen aufgebaut, inklusive aller Unsicherheiten und Missverständnisse, die durch die mehrsprachig unvollständige Kommunikation entstehen.

Der bald zum Helfer gewordene Beobachter hilft bei Behördenkommunikation und Arztgängen, lädt einige der Männer in sein Haus ein und lernt sie kennen. Im Zuge der Ereignisse begreift man den Nervenkrieg, den ein Leben ohne sicheres Bleiberecht in Europa bedeutet. Am Ende erfahren einige der Männer die vorübergehende Duldung und kommen in Richards Haus und bei seinen Freunden unter. Ihr weiteres Schicksal – es gibt kein Happy End, wenn man durch die halbe Welt geflohen ist – bleibt offen. Sicher ist nur die nachhaltige Entwurzelung der Geflohenen, der auch das zwangsläufig vorübergehende Atemschöpfen unter Richards Dach nicht wirklich abhilft.

Literarisch stark in ihren kürzeren Texten, setzt Erpenbeck mit ihrem Protagonisten eine einzelne wahrnehmende Instanz zum Vermitteln des Geschehens ein. Virtuos gelang ihr das bereits früher, zum Beispiel 2005 in Wörterbuch. Dort lässt sie den Spross einer Diktaturen-Elite aus der Position scheinbar äußerster Unschuld Mechanismen der Unterdrückung schildern. In Gehen, ging, gegangen wird man durch diesen pädagogischen Impetus auf immerhin 350 Seiten etwas überdeutlich an die Hand genommen. Nicht immer kauft man dem gestandenen Wissenschaftsveteran ab, tatsächlich so unbeleckt und ohne Vorbehalt zu sein. Es hilft nichts: Man muss mit Richard durch einen Plot in einfacher Sprache und neben einer gewissen Rührseligkeit ist dieses konsequente Sich-dumm-Stellen eine Schwäche des Textes. Dem subjektiven Eindruck mag man entgegnen, dass der Roman ein breites Publikum erreichen will und sich nicht intellektuell eitel spreizt. Etwas weniger kitschverdächtiger Dekor hätte an mancher Stelle aber auch gereicht.

Erpenbecks lakonische Poesie entfaltet sich trotzdem auch in Gehen, ging, gegangen, in Tableaus und starken Bildern, in dem offenen Ende, das die Ereignisse auf eine überzeitliche Ebene stellt. Der in den Medien sichtbare Flüchtlingsdiskurs blitzt exemplarisch immer wieder auf, in vom Protagonisten gelesenen Medien oder in Gesprächen. Diese Quellen werden von Richard, so naiv ist er dann nämlich nicht, subtil kommentiert und kritisch bewertet. Dabei sagt er wenig, sondern lässt die Ignoranz sich selbst entlarven, zum Beispiel, wenn seine Freunde aus dem Italienurlaub Fotos von sich prostituierenden Flüchtlingsfrauen mitbringen und diese plaudernd als Exotismus neben die üblichen Sehenswürdigkeiten stellen.

In fabelartigen Episoden werden Lebenshintergründe der Flüchtlinge sichtbar. Sie mischen sich ansatzlos mit Betrachtungen über die Last unausgefüllter Zeit (in einem zerrütteten Land ebenso wie in einer deutschen Notunterkunft), über unsere chauvinistische Trennung von westlicher und restlicher Welt, über den Kulturverlust, den Verjagte und Verstoßene erleben und der sich durch Anfängerdeutschkurse nicht im Ansatz heilen lässt. Aus der Heimat gegangen sind die Männer, die Richard kennenlernt, in Bewegung bleiben sie nun zwangsweise. Sie werden herumgereicht zwischen Zuständigkeiten der Länder, von denen keins sie wirklich aufnehmen will. Sie sind gelähmt durch Europas vorsätzlich widersprüchliche Gesetze und mundtot gemacht durch die fehlende Kenntnis der sich verschließenden Sprachen. Erpenbeck setzt an dieser Stelle an und leiht denen im Limbus wirkungsvoll ihre verdichtende, literarische Stimme. Und so dämmert es nicht nur Erzähler Richard in einem Tableau, in dem die Autorin Kolonialrassismus und dessen Opfer mit ihren oralen Kulturen pointiert kollidieren lässt: »…noch nie ist ihm der Zusammenhang zwischen Raum, Zeit und Dichtung so klar gewesen wie in diesem Moment.«

Etwa in der Mitte des Textes gibt es einen Bruch, nach aller Annäherung von außen ist es nun einer der Geflohenen, aus dessen Perspektive ein Besuch des »älteren Herrn« erzählt wird. Erst nach dieser Verschiebung formuliert der Erzähler seine Erkenntnis vom zyklischen Austausch der Menschen und Kulturen: »Tausende von Jahren dauert die Bewegung der Menschen über die Kontinente schon an, und niemals hat es Stillstand gegeben. Es gab Handel, Kriege, Vertreibungen […], es gab Verfall, Verwandlung, Wiederaufbau und Siedler, es gab bessere oder schlechtere Wege, aber niemals Stillstand.« Unwillkürlich denkt man hier an Sebalds Ringe des Saturn und das Bild vom  erbarmungslos fortrasenden Planeten, auf dem beständig Menschen schlafend niederfallen. Ebenfalls an Sebald erinnert Richards Gedanke, dass die von den Nazis ermordeten Menschen »Deutschland als Geister noch immer bewohnen, all die Fehlenden und auch deren ungeborene Kinder und Kindeskinder«, Richard sieht sie »unsichtbar in den Cafés, […] Parks und Theater«. An die sebaldsche Kunst des Streifens durch eigene und fremde Erinnerungen reicht das alles bei weitem nicht heran. Doch auch ohne diesen Anspruch funktioniert der Plot ausgezeichnet.

Fazit: Vielleicht nicht Erpenbecks stärkster Text, ist Gehen, ging, gegangen über die Halbwertzeit der Buchpreisnominierung hinaus von Wert. Seine Emphase ist nicht immer Ersatz für intellektuelle Schärfe, über die die Autorin sehr wohl verfügt. Auf der anderen Seite präsentiert der Text viele Details zur Situation der Geflohenen in Europa, die anders kaum zu fassen sind. Bestürzend unfair, stellt man fest, ist der Umgang mit den Protestierenden vom Oranienplatz, ungerecht auch das juristische Gemauschel um die zwischen Erstaufnahmeland und Deutschland Zwangspendelnden. Beispielgebend ist der im Buch beschriebene Umgang mit den denen, die im fremden Europa davon abhängen, dass ihnen eine Hand gereicht wird. Nicht jeder wird es nach der Lektüre dem Protagonisten gleichtun und sich mit Flüchtlingen vor Ort befreunden. Von Fremdenhass und Ignoranz Verheerte erreicht Gehen, ging, gegangen sicher nicht. Vielen Besorgten und Unsicheren aber täte die Lektüre dieses Romans gut, der ein Verständnis für die Menschen fordert, die aus Zeit und Kultur gefallen, in Turnhallen und Zelten auf nichts mehr als ein Leben warten.

Britta Peters

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Roman. Knaus, 2015. 19,99 €, E-Buch 15,99 €.

 


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