In den Orkgruben von Mordor

John Garth beschreibt in “Tol­ki­en und der Ers­te Welt­krieg – Das Tor zu Mit­tel­er­de” Jugend- und Kriegs­jah­re von J.R.R. Tolkien

Schreie in einer durch­pflüg­ten Schlamm­land­schaft, Feu­er in sys­te­ma­tisch ange­leg­ten, weit in die Erde hin­ein­rei­chen­den Grä­ben, Unge­heu­er­li­ches brin­gen sie an die Ober­flä­che, das die bekann­te Welt mit Ter­ror über­zieht. Die Orkgru­ben von Mordor, Brut­stät­ten der Arme­en des Bösen, aus J.R.R. Tol­ki­ens gro­ßer Fan­ta­sy-Tri­lo­gie um den Herrn der Rin­ge, sind nicht zuletzt dank der jüngs­ten Ver­fil­mun­gen zum Mem­be­stand der Fan- und Pop­kul­tur gewor­den. Die kom­ple­xe Mytho­lo­gie hin­ter den Hel­den­ge­schich­ten des Wis­sen­schaft­lers und Schrift­stel­lers John Ronald Reu­el Tol­ki­en füllt eige­ne Bän­de, dar­un­ter neben Wör­ter­bü­chern und Legen­da­ri­en Wer­ke wie Rudolf Simeks Mit­tel­er­de. Tol­ki­en und die ger­ma­ni­sche Mytho­lo­gie (2005) oder der selbst zum Kult­buch gewor­de­ne His­to­ri­sche Atlas von Mit­tel­er­de (zuletzt 2012).

John Garth, bri­ti­scher Jour­na­list, Wis­sen­schafts­au­tor und Tol­ki­en-Ken­ner, hat sich zur Auf­ga­be gemacht, die Ursprün­ge von Tol­ki­ens lite­ra­ri­scher Arbeit neu zu beleuch­ten. Dazu hat er ein Kor­pus aus Kriegs­ta­ge­bü­chern, Kor­re­spon­den­zen und Zeit­zeug­nis­sen aus den Jah­ren vor und nach dem Ers­ten Welt­krieg aus­ge­wer­tet, an dem Tol­ki­en als bri­ti­scher Fern­mel­de­of­fi­zier teil­ge­nom­men hat­te und der auch von ihm selbst als prä­gend für Ele­men­te sei­ner Geschich­ten um die Fan­ta­sy­welt Mit­tel­er­de genannt wur­de. Dabei flos­sen in die Arbeit nicht nur Tol­ki­ens eige­ne Noti­zen und Brie­fe ein, son­dern immer par­al­lel die sei­ner Ver­trau­ten, Kol­le­gen und auch ande­ren Teil­neh­mern der Som­me-Schlacht, die, wie Garth zeigt, Tol­ki­en tief geprägt hat.

Über 400 Sei­ten stark ist der Band, der sich als Bei­trag einer »nar­ra­ti­ve histo­ry« ver­steht und des­sen fil­mi­sche Schreib­wei­se stre­cken­wei­se den Ein­druck ver­mit­telt, man habe es mit einem roman­haf­ten Dreh­buch zu »Tol­ki­en – der Film« zu tun und nicht mit einer Mono­gra­fie, die einen Bogen zwi­schen geschicht­li­cher Dar­stel­lung und phi­lo­lo­gi­scher Spu­ren­su­che spannt. Es ist span­nen­de Lek­tü­re, die Garth uns prä­sen­tiert, kei­ne archiv­ver­lieb­te Zumu­tung. Dar­über kann man geteil­ter Mei­nung sein und sich je nach dem eige­nen Stand­punkt im von Hans-Ulrich Weh­ler for­mu­lier­ten »Duell der gegen­wär­ti­gen Geschichts­wis­sen­schaft« auf Mythen­jagd bege­ben oder ana­ly­tisch ori­en­tiert die erzäh­le­ri­sche Zurück­hal­tung for­dern. Ein rei­nes Über­sichts­werk, dem rasch Daten und Weg­mar­ken zu ent­neh­men sind, ist die­ser Band nicht, wer mit ihm arbei­ten will, wird schwer um eine voll­stän­di­ge Lek­tü­re her­um­kom­men. Garths Dar­stel­lungs­form wird aber dem Gegen­stand gerecht, der kein rein his­to­ri­scher ist und den er als orga­nisch gewach­se­nes ästhe­ti­sches Sys­tem einer lite­ra­ri­schen »Mit­tel­er­de« auch aus phi­lo­lo­gi­scher Sicht analysiert.

Einen Schwer­punkt setzt der Band in den Jah­ren von Tol­ki­ens spä­ter Schul­zeit, Stu­di­en­zeit und sei­ner Kriegs­teil­nah­me. Die Mate­ri­al­fül­le wird dabei so ver­ar­bei­tet, dass Garths eige­ne The­sen sich in die Zeug­nis­se ein­bet­ten, die neben aus­führ­li­chen Brief­zi­ta­ten auch Fotos und Kar­ten der Tol­ki­ens Mili­tär­dienst betref­fen­den Front­ver­läu­fe umfas­sen. Der Kriegs­ver­lauf wird, soweit er den Schrift­stel­ler als Sol­da­ten betrifft, aus­führ­lich geschil­dert, unter­bro­chen von Exkur­sen, dar­un­ter en pas­sant eine Geschich­te der Feen und Elfen im eng­li­schen Sprach­raum. Für die inter­es­siert sich nicht nur Tol­ki­en, son­dern auch sei­ne Zeit­ge­nos­sen, was für Garth zu einer para­dig­ma­ti­schen Ver­knüp­fung zwi­schen Sagen­ge­stalt und Zeit­geist führt: »Die Feen hat­ten die glei­che Mis­si­on wie die TCBS und ver­folg­ten sie mit den­sel­ben Mit­teln«. Drei jun­ge Män­ner sind Kern­mit­glie­der die­ses krea­ti­ven Clüb­chens namens »TCBS«, Tol­ki­en, Chris­to­pher Wise­man, Rob Gil­son. Sie ver­wal­ten ihre Schul­bi­blio­thek und nen­nen sich die »Tea Club and Bar­ro­vi­an Socie­ty«. Dann kommt als Vier­ter im Bun­de der Freund Geoff­rey Bache Smith dazu, Smith und Gil­son wer­den im Ers­ten Welt­krieg sterben.

Garth führt in das Umfeld des wer­den­den Schrift­stel­lers ein, Freun­de, die Grup­pe aus Gleich­ge­sinn­ten, die sich gegen­sei­tig ihre Plä­ne und ers­te lyri­sche Arbei­ten prä­sen­tie­ren. Schritt für Schritt wird dann Tol­ki­ens Kriegs­teil­nah­me nach­voll­zo­gen, dabei immer in Bezie­hung gesetzt zu den Schick­sa­len der Jugend­ge­fähr­ten und sei­ner Frau Edith, der Tol­ki­en sei­ne Gedich­te wid­met und die ihm, wann immer er auf der bri­ti­schen Insel sta­tio­niert ist, nach­reist. Dabei stellt Garth eini­ges rich­tig, was in älte­ren Tol­ki­en-Bio­gra­fien kano­nisch wur­de, zum Bei­spiel das oft wohl zu dra­ma­tisch als schlecht dar­ge­stell­te Ver­hält­nis von Tol­ki­en zu sei­nen mili­tä­ri­schen Vor­ge­setz­ten in Frank­reich. Vie­le von Tol­ki­ens frü­hen Gedich­ten sind in den Kriegs­kor­re­spon­den­zen ent­hal­ten oder wer­den in Brief­wech­seln kom­men­tiert und kri­ti­siert. Garths Ver­dienst liegt auch dar­in, den Weg die­ser zum Teil unpu­bli­zier­ten Arbei­ten nach­zu­voll­zie­hen und sie in eine Bezie­hung zu der sich auch wäh­rend des Kriegs in Laza­ret­ten und War­te­zei­ten ent­wi­ckeln­den Mit­tel­er­de-Mytho­lo­gie zu set­zen. Dabei schreckt Garth in sei­nen Ana­ly­sen vor ästhe­ti­schen Bewer­tun­gen nicht zurück, bleibt aber vor­sich­tig, wenn es um Spe­ku­la­tio­nen bezüg­lich Tol­ki­ens Moti­va­ti­on geht. Im Nach­wort fin­det sich dann eini­ges an Par­al­lel­set­zun­gen, die über Tol­ki­ens Selbst­aus­sa­gen, die durch­aus die Schre­cken der erleb­ten Krie­ge mit den Schlach­ten um Mit­tel­er­de ver­knüp­fen, hin­aus­ge­hen. Garth räumt außer­dem auf mit dem an Tol­ki­en gerich­te­ten Vor­wurf des Eska­pis­mus in eine Welt, die ver­drän­ge, was bei ande­ren Autoren sei­ner Zeit zu einem ernüch­ter­ten Rea­lis­mus geführt hat. »Autoren wie Gra­ves, Sas­so­on und Owen sahen den Gro­ßen Krieg als Krank­heit an, Tol­ki­en ver­stand ihn nur als Sym­ptom.«, schreibt Garth, und: »Sei­ne Fas­zi­na­ti­on für das Elben­land ist kein Beweis dafür, dass der Ers­te Welt­krieg auf ihn kei­nen Ein­fluss gehabt hat, son­dern viel­mehr, dass die Fas­zi­na­ti­on als Fol­ge des Kriegs ent­stan­den ist.«

»Sein Geist gleicht einem Lager­haus« heißt es an wei­te­rer Stel­le über den jun­gen Tol­ki­en, der viel spä­ter zei­gen wird, dass es die Hal­len von Moria sind, in denen er sei­ne Schät­ze lagert. Wer einen bio­gra­fi­schen Zugang zu Tol­ki­ens Mytho­lo­gie sucht, wird in Garths Mono­gra­fie einen wert­vol­len Bei­trag fin­den, der weit mehr als ande­re auf Fak­ten gestützt ist und sich trotz sei­ner Freu­de an der Nar­ra­ti­on mit Spe­ku­la­tio­nen zurück­hält. Dabei ist allen, die wis­sen­schaft­lich an die­sem The­ma inter­es­siert sind, die eng­li­sche Aus­ga­be zu emp­feh­len, da die Über­set­zung einen gekürz­ten Appa­rat auf­weist und das eng­li­sche Ori­gi­nal inzwi­schen eine Über­ar­bei­tung erfah­ren hat.

Brit­ta Peters

John Garth: Tol­ki­en und der Ers­te Welt­krieg. Das Tor zu Mit­tel­er­de. Klett-Cot­ta, 2014, 22,95 €. E‑Buch 17,99 €.

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