Rätseltext und Künstlerbuch – Haruki Murakamis “Unheimliche Bibliothek”

Haru­ki Mura­ka­mi schreibt nicht nur umfang­rei­che Roman­zy­klen, son­dern ist auch Meis­ter der Reduk­ti­on. Sei­ne Kurz­ge­schich­te “Die unheim­li­che Biblio­thek” ent­puppt sich als Schmuck­stück – auf über­ra­schend viel­fäl­ti­ge Weise.

Nach dem drei­bän­di­gen 1Q84 (dt. 2010/2011) und anläss­lich des Deutsch­land-Ver­kaufs­starts der nicht weni­ger sei­ten­stark ange­leg­ten Com­men­d­a­to­re-Tri­lo­gie, lohnt sich ein Blick zurück in Mura­ka­mis jün­ge­res Werk. Dort fin­det man eben nicht nur groß ange­leg­te Pro­jek­te und Roma­ne, son­dern auch kur­ze Tex­te, die Neu­gie­ri­gen einen Ein­druck sei­nes Schrei­bens ver­mit­teln. Die unheim­li­che Biblio­thek ist ein Bei­spiel für Mura­ka­mis Beschäf­ti­gung mit der kur­zen Form. 2005 erschien die Geschich­te in Japan, 2013 über­nahm Dumont und ver­leg­te eine deut­sche Aus­ga­be in einer Über­set­zung von Ursu­la Gräfe.

Gefan­gen in der Biblio­thek von Babel

Die unheim­li­che Biblio­thek erzählt von der Gefan­gen­nah­me eines Schü­lers in den Ver­lie­sen unter einer wenig unschul­di­gen Stadt­bü­che­rei. Redu­ziert und lako­nisch ist der Ton, so dass man sich als Leser einer Kin­der­ge­schich­te wähnt, dabei öff­net der Text einen wei­ten Echoraum.

Ein böser Alter nimmt den Jun­gen mit in einen Kel­ler, eine Ange­stell­te hat­te ihm den Mus­ter­schü­ler zuge­führt, der sich all­zu schwär­me­risch als Hir­te sei­ner Leih­bü­cher sah. Ein schi­ka­nö­ses Lese­pen­sum soll er ein­ge­sperrt bewäl­ti­gen, um eines Tages wie­der frei­zu­kom­men. Dort trifft der Ver­schlepp­te auf einen jun­gen Mann im Schafs­kos­tüm, auch ein Gefan­ge­ner der Biblio­thek sowie ein äthe­risch schö­nes wie stum­mes Mäd­chen. Mit abge­le­ge­nem Wis­sen und Donuts lässt er sich fort­an unfrei­wil­lig mäs­ten, um – das hat der Alte ihm ver­schwie­gen – geschlach­tet und ver­zehrt zu werden.

Mura­ka­mi mag an das rigi­de japa­ni­sche Schul­sys­tem gedacht haben, als er das Zwangs­ler­nen mit unge­wis­sem Aus­gang skiz­zier­te, und an die Schwie­rig­kei­ten, die die­ser Anpas­sungs­vor­gang für japa­ni­sche Schü­le­rin­nen und Schü­ler bedeu­tet. Viel­leicht auch an die lebens­zeit­ver­nich­ten­den Bemü­hun­gen um Zuge­hö­rig­keit, das zwang­haf­te Publi­zie­ren und das Aus­bren­nen an den inter­na­tio­na­len Uni­ver­si­tä­ten. So ist es der ver­gan­ge­ne Biss eines “schwar­zen Hun­des”, der den Prot­ago­nis­ten lähmt und hin­dert, sich ent­schie­de­ner der Haft zur Wehr zu set­zen. An den “black dog” der Depres­si­on mag das anknüp­fen und schon an die­sem Bei­spiel wird klar, dass der Text weit über japa­ni­sche Befind­lich­kei­ten und auch über die Ober­flä­che eines gru­se­li­gen Jugend­buchs hinausweist.

Das ist nur ein Zugang zum Sym­bol­sys­tem der Unheim­li­chen Biblio­thek. Der Alte, der am Ende eines absurd ver­zweig­ten Laby­rinths lebt, das in Fins­ter­nis gehüllt wenig zum Lese­saal taugt, und der doch alles weiß, was sei­ne – oder sei­nen – Gefan­ge­nen umtreibt, führt den Jun­gen so weit in ein Reich, das end­los ver­zweigt erscheint, dass jede Hoff­nung auf Flucht sinn­los erscheint. Es sind die Hel­fer­fi­gu­ren, der selt­sa­me Schafs­mann, das Mäd­chen und ein zah­mer Star als Schutz- und Totem­tier, die dem Jun­gen am Ende doch das nack­te Leben ret­ten. Geis­ter­haf­te Mäd­chen und auch den Schafs­mann tref­fen Mura­ka­mi-Leser hier nicht zum ers­ten Mal an, sie erin­nern an das schö­ne Mäd­chen aus “Nao­kos Lächeln” (dt. 2001) und das Alter Ego des Prot­ago­nis­ten aus Tanz mit dem Schaf­mann (dt. 2002). Über sie und ihre geheim­nis­vol­le Natur heißt es in der Kurz­ge­schich­te: “Dei­ne Welt, mei­ne Welt und die vom Schafs­mann. Es gibt Orte, an denen sie sich über­schnei­den. So ist es doch, oder?” Die besorg­te Mut­ter des Jun­gen stirbt nach sei­ner Rück­kehr, viel­leicht hat sie zuvor den Vogel geschickt, der als Kami-Geist und lie­be­vol­les Opfer dem Sohn den Lebens­mut zurück­bringt, der ihm hilft, sich zu befrei­en. Viel­leicht, immer­hin gibt es Leib­spei­sen statt Ker­ker­kost, taugt so ein Lese­ker­ker auch ein wenig zum Ver­steck, in das die Kun­de vom Leben und Ster­ben in Her­zens­nä­he erst spät eindringt.

Abgrün­dig wird es, wenn der knapp Davon­ge­kom­me­ne sich quält, ob er nicht eine Auto­ri­tät über sein Mar­ty­ri­um infor­mie­ren soll, damit nicht “ande­ren Kin­dern” etwas durch den Alten wider­fah­re, und dann gelähmt davon absieht. Ein biss­chen ist es, als ob der Text die War­nung dar­stellt, die dem ehe­ma­li­gen Mus­ter­schü­ler nicht gelingt: Geh nicht in den Tun­nel, Kind. Höre auf dein Unbe­ha­gen, bevor sich die Türen des Repe­ti­to­ri­ums schlie­ßen, dahin­ter Druck, Demü­ti­gun­gen und aka­de­mi­scher Drill. Und das ist nur eine Facet­te des Unbe­ha­gens, das sich beim Leser ein­stellt, wenn sich das Wis­sen um Ent­füh­rungs­op­fer und Macht­miss­brauch in Insti­tu­tio­nen als Echo um den Text lagert.

Im unheim­li­chen Uni­ver­sum der Geschich­te holen sich die Biblio­the­ken das Wis­sen zurück, das sie ver­mit­telt haben. Sie pro­du­zie­ren stell­ver­tre­tend für das Bil­dungs­sys­tem gelehr­sa­me Droh­nen, deren Eigen­sinn wider die Ord­nung aus­ge­merzt wird. Ihn ins taxo­no­mie­lo­se Cha­os zu stür­zen, ist dann auch die absur­des­te Stra­fe, mit der der jun­ge Bücher­narr in sei­nem Ver­lies bedroht wird. Drei Tage wer­de man den Wider­bors­ti­gen mit zehn­tau­send Rau­pen in ein Gefäß sper­ren (E.T.A. Hoff­mann lässt grü­ßen), selbst demü­ti­gen­de Schlä­ge ängs­ti­gen den Schafs­mann nicht so sehr. Die wim­meln­den Rau­pen sind viel­leicht wir­re Gedan­ken, doch ihr Cha­os, das den Gefan­ge­nen als Stra­fe ange­droht wird, ist auch Poten­zi­al. Denn folgt man dem belieb­tes­ten Bei­spiel aus der Cha­os­for­schung, kann ein Schmet­ter­ling einen Wir­bel­sturm aus­lö­sen. Dem domes­ti­zier­ten Mit­glied der Aka­de­mia mit Löf­fel­chen an den damp­fen­den Töp­fen gelingt das viel­leicht nie. Doch die­sem Schick­sal ist der Ex-Gefan­ge­ne der Unheim­li­chen Biblio­thek – auf Bewäh­rung, denn das Gebäu­de bleibt geöff­net und am Plat­ze – viel­leicht noch mal ent­kom­men. Wer sich auf die Kom­ple­xi­tät des Tex­tes ein­lässt, die hin­ter sei­ner schein­bar kind­ge­rech­ten Ober­flä­che lagert, wird in die­sem schma­len Band einen guten Ein­stieg in Mura­ka­mis Arbeits­wei­se fin­den und sich gewapp­net an einen der Roma­ne machen kön­nen. Wer sich für Buch­kunst und Illus­tra­ti­on inter­es­siert, kann über dies hin­aus noch eine über­ra­schen­de Ent­de­ckung machen.

Ein Text in vie­len Gewändern

Die unheim­li­che Biblio­thek wur­de seit ihrem Erschei­nen in Japan in ver­schie­de­nen Län­dern loka­li­siert. Dazu gehört neben den Über­set­zun­gen auch die von diver­sen Ver­la­gen eigen­stän­dig geleis­te­te Kunst der Buch­il­lus­tra­ti­on. Eini­ge Aus­ga­ben wur­den von nam­haf­ten Gra­fi­kern illus­triert, die bri­ti­sche anonym unter Her­an­zie­hung von Bild­ma­te­ri­al aus Lon­dons Biblio­theks-Daten­ban­ken. Drei Vari­an­ten sei­en an die­ser Stel­le vorgestellt.

Die japa­ni­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be kommt mit Ban­de­ro­le und Schu­ber. Ein robus­tes Büch­lein ent­hält die Geschich­te vom Büch­er­ker­ker in gro­ßer Schrift und mit kind­ge­recht anmu­ten­den Illus­tra­tio­nen. Selt­sam west­lich wirkt der Alte, enig­ma­tisch eini­ge der ein­fach gehal­te­nen, oft gan­ze Sei­ten aus­fül­len­den Bilder.

Die ame­ri­ka­ni­sche Aus­ga­be, eben­falls im Schu­ber, ist ein auf­wän­dig pro­du­zier­tes Künst­ler­buch, das sich frei an einer als japa­nisch emp­fun­de­nen Man­ga-Ästhe­tik ori­en­tiert. Für die­ses Pro­jekt konn­te man den ame­ri­ka­ni­schen Gra­fi­ker und Desi­gner Chip Kidd gewin­nen, der wahr­lich kein Mura­ka­mi-Neu­ling ist. Man sieht den auf­klapp­ba­ren Sei­ten an, dass sich der Gestal­ter Gedan­ken zum Sym­bol­ge­halt der Sto­ry gemacht hat und über rei­ne Gefäl­lig­keit hin­aus tra­gen die Illus­tra­tio­nen gezielt der Viel­schich­tig­keit der Figu­ren und Hand­lungs­ebe­nen Rech­nung. In dem 2016 erschie­ne­nen Band “Judge this. War­um der ers­te Ein­druck zählt”, stellt Kidd, der seit den ers­ten US-Über­set­zun­gen Mura­ka­mis Bücher illus­triert, anhand eines Buch­co­vers Über­le­gun­gen an, wie er Zugang zu den von ihm zu illus­trie­ren­den Tex­ten fin­det. Dort heißt es, ein “Ent­wurf braucht nicht auf Anhieb ver­stan­den wer­den, um ihn zu ent­schlüs­seln, muss der Leser das Buch erkun­den.” Ein Rat, der für das aus der Lese­rich­tung zu allen Sei­ten hin aus­bre­chen­de ame­ri­ka­ni­sche The stran­ge Libra­ry eben­falls gilt.

Die deut­sche Aus­ga­be ist von der Comic-Spe­zia­lis­tin und Illus­tra­to­rin Kat Men­schik illus­triert. Auch sie ist lang­jäh­rig mit Mura­ka­mi ver­traut. Zuletzt erschien, eben­falls bei Dumont, 2017 Mura­ka­mis kur­ze Erzäh­lung Bir­th­day Girl mit Zeich­nun­gen von Men­schik. Hyp­no­tisch sind die Bil­der aus den Biblio­theks­ge­wöl­ben des hier vor­ge­stell­ten Ban­des, er ist unter den vor­ge­stell­ten optisch am ein­deu­tigs­ten an Erwach­se­ne adres­siert. Die Illus­tra­tio­nen sind in Schwarz und Sepia gehal­ten und neh­men den Text in sei­ner Abgrün­dig­keit sehr ernst. Das geis­ter­haf­te Mäd­chen erin­nert in der Ver­si­on von Men­schik an den Frau­en­geist aus der Rin­gu-Hor­ror­film­rei­he, als Beglei­te­rin des Gefan­ge­nen ist sie bei der bar­fü­ßi­gen Flucht so ima­gi­niert eher wenig ver­si­chernd. Ver­steckt in einer Schicht aus sei­den­mat­tem Glanz­lack wim­meln Flie­gen und Maden über die Sei­ten, die so im Wort­sinn eine wei­te­re Bedeu­tungs­schicht auf das Papier gehaucht bekom­men. Den Alten beglei­ten, wäh­rend er den Kna­ben aus dem Licht in sei­nen Kel­ler lockt, Trich­ter­fal­len­blü­ten und der Schafs­mann ent­geht in der Inter­pre­ta­ti­on der Zeich­ne­rin dem Schick­sal, auch nur ent­fernt an freund­li­che Bil­der­buch­tier­chen zu erinnern.

Wel­cher Aus­ga­be man den Vor­zug gibt, bleibt am Ende dem per­sön­li­chen Geschmack – und auch den Sprach­kennt­nis­sen – über­las­sen, fas­zi­nie­rend ist die Viel­falt der Inter­pre­ta­tio­nen durch anony­me und bekann­te Buch­ge­stal­ter und Buch­ge­stal­te­rin­nen allemal.

Brit­ta Peters

Japa­ni­sche Ausgabe
Haru­ki Mura­ka­mi: Fus­hi­gi Na Toho­kan. Kodan­sha 2005.

Deut­sche Ausgabe
Haru­ki Mura­ka­mi: Die unheim­li­che Biblio­thek. Mit Illus­tra­tio­nen von Kat Men­schik. Dumont 2013/2014. HC 14,95 €, TB 9,99 €.

Ame­ri­ka­ni­sche Ausgabe
Haru­ki Mura­ka­mi: The Stran­ge Libra­ry. Knopf 2014.

Chip Kidd: Judge This. War­um der ers­te Ein­druck zählt. Fischer 2016. 14,99 €.

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