Handke lesen – womit anfangen?

Peter Handke ist ein Autor, der seit Jahrzehnten an einem langen Text schreibt. Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Fans schwärmen von der poetischen Kraft seines Welterkundens, Kritiker auch, nur mit anderen Worten. Gründe für neue Leserinnen und Leser, sich seine Arbeiten näher anzusehen.

Handkes Werk wird von außen mit Neugier beäugt, doch dann scheitert man bei der Auswahl einer Erstlektüre schon an der schieren Menge seiner Publikationen. Dazu kommt der inzwischen kaum noch primär rezipierte Skandal um seine Texte zur Zeit der Jugoslawienkriege und auch, dass beinahe ausschließlich Handkes Frühwerk in die Schulen diffundiert ist. Ein Übriges tut seine etwas angegraute Leserschaft, die als Literaturvermittler die jüngere Generation nicht mehr erreicht.

Das macht ja Mut!

Dieser Artikel will drei mögliche Wege in das Werk von Peter Handke vorschlagen. Sie sind für Freizeitlektüre und Studium gleichermaßen geeignet und basieren auf der Erfahrung, seinerzeit selbst Orientierung zur Auswahl einer ersten Handke-Lektüre gesucht zu haben.

Erster Vorschlag: Die »Versuche«

Fünf literarische Essays hat der Autor unter diesem Label geschrieben, schmale Bände, die aber Themen, Sprachkunst und poetologische Grundlagen enthalten, die durch die Jahre typisch für sein Schreiben sind. Zu Recht gehören sie zu den häufig empfohlenen Texten von Peter Handke. Ein möglicher Einstieg wäre Der Versuch über die Müdigkeit, dessen Lektüre kann man durch die von Chul Byun Hans kurzem Essay Die Müdigkeitsgesellschaft ergänzen könnte, der sich mit Handkes Ausgangstext beschäftigt und ihn so aktualisiert. Freizeitleser werden Freude am Versuch über den Stillen Ort haben, ein Text aus Handkes jüngerem Werk, der ausgesprochen charmant all das vorführt, was Handkes literarische Methode ausmacht.

Eins der schönsten Bücher des Autors ist der Versuch über den Pilznarren, ausgerechnet dieser Band sei  aber keine Empfehlung zum Einstieg, sondern eine für Handkekenner, denn hier lässt der Autor vergangene Figuren und Phänomene auftreten und gibt damit Paul Auster eine virtuose deutschsprachige Antwort auf dessen Roman Travels in the Scriptorium.

Zweiter Vorschlag: Die Jugoslawientexte

Wer wissen will, warum Intellektuelle und Schriftsteller Handke verteidigen, wenn man ihm Literaturpreise erst verleiht und dann wieder aberkennt, sieht am besten nach, womit der Shitstorm angefangen hat. Die entsprechenden Texte sind über mehrere Publikationen verteilt, das größte Echo gab sicherlich die Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien mit ihrem Sommerlichen Nachtrag. Beide Texte gibt es auch zusammengefasst in einer Ausgabe. Zwischen zwei Jugoslawienkriegen bereiste Handke die umstrittenen Gebiete, das Ergebnis sind ein Reisebericht und ein ihn verteidigender Nachtrag, die sich bemühen, unabhängig von den nach einem Hauptschuldigen an den Konflikten suchenden Medienberichten, Gegebenheiten vor Ort zu erkunden. Über diese Werkphase ist inzwischen viel geschrieben worden, und egal, ob man sich professionell oder aus literarischem Interesse für Handke interessiert, diese Texte sind ein guter Startpunkt.

Dritter Vorschlag: Handke als Dramatiker

Handkes Theaterstücke sind ästhetisch von hohem Rang, aber schwerer zugänglich, wenn man sein Werk gar nicht kennt. Sie ordnen sich in den Kontext seiner in den langen Erzählungen verhandelten Stoffe ein, sind im späten Werk auch seitenstark und ähneln epischen Lesetexten.

Fragt man nach Handke-Kenntnissen, wird oft zuerst die Publikumsbeschimpfung genannt, in der man, wie versprochen zünftig beschimpft, das wirklich fiese Wort »Gottespülcher« lernen kann. Wo der Begriff herkommt, erfährt man hingegen in einem sehr empfehlenswerten Band, in dem Handke mit Thomas Oberender über das Theater spricht. Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater ist ebenfalls ein guter Anfang, wenn man sich dem Autor nähern will, der hier und in anderen Interviewbänden viel über seine Arbeits preisgibt.

Und sonst?

Es gibt diverse Monografien über Peter Handke, auch Verfilmungen einiger seiner Bücher. Dazu in aller Kürze: Das Studium von Sekundärliteratur über den Schriftsteller ist erst wirklich hilfreich, wenn man wenigstens eins der Bücher gelesen hat. Ähnliches gilt für die Filme, denen durch die Bank fehlt, was die Texte so stark wirken lässt. (Darüber gehen die Meinungen sicher weit auseinander, und wie schon bei den Jugoslawientexten gilt: rezipieren und mitreden können!)

Wer Geduld mitbringt, kann sich auch als Neuling den 2016 erschienenen Dokumentarfilm Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte… ansehen – Geduld deswegen, weil darin ein sehr freundlicher Hauptdarsteller Interviewerin und Zuschauer liebenswürdig trollt, indem er ihnen vorführt, wie man in Seelenruhe ein Kissen bestickt, während alle am Set auf zitierfähige Weisheiten warten. So gerät das Warten auf die Wiederaufnahme des Gesprächs zur Demonstration des gemeinsamen Müdeseins. Und zur Einladung, von dem zu lesen, was außerhalb der Schreibstube auf den Waldlichtungen und Vorstadtstraßen und an den Wegrändern und Türschwellen passiert, wenn einer ein ganzes Leben lang beirrt und unbeirrt dorthin schaut.

Britta Peters

Texte zum Einstieg in Reihenfolge ihrer Erwähnung

Peter Handke: Versuch über die Müdigkeit. Suhrkamp 1989.
(ergänzend Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz 2010.)
Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. Suhrkamp 2012.

Peter Handke: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Suhrkamp 1996.
Peter Handke: Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise. Suhrkamp 1996.

Peter Handke: Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Suhrkamp 1966 / 2004.
Peter Handke u. Thomas Oberender: Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater. Suhrkamp 2014.

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